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„Die Zuhörer direkt ansprechen und zum Nachdenken anregen“ - Warum ich mich für Poetry Slams interessiere

Ein Werkstattgespräch mit Jana Richartz (Jgst 12), Alina Leis (Jgst.11) und Anna Haltrich (Jgst 9)

von Ulrich Wendland

Bereits eine langjährige Tradition ist die Teilnahme des Bodelschwingh-Gymnasiums Herchen am Eitorfer Poetry Slam. Und auch in diesem Jahr haben Schülerinnen unserer Schule überzeugende Leistungen gezeigt. Jana Richartz und Alina Leis teilten sich den dritten Platz, während Anna Haltrich - als Jüngste in dieser Runde – den ersten Platz zugesprochen bekam. Wir beglückwünschen aber nicht nur die Preisträgerinnen, sondern bedanken uns vor allem auch bei Frau Reif, die diesen Wettbewerb maßgeblich mit organisiert und betreut hat.

1. Wie lange beschäftigt ihr euch schon mit „Poetry Slam"

Jana: Im Jugendalter habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben, die Veranstaltung und überhaupt den Begriff des „Poetry Slam" kenne ich aber erst seit der 9. Klasse. Seit 2015 war ich nun dreimal in Eitorf mit dabei.

Alina: Eigene Texte schreibe ich seit ca. 2 Jahren. Mein wirkliches Interesse an Gedichten und Poesie begann ein Jahr früher.

Anna: Vor ungefähr einem Dreivierteljahr habe ich damit angefangen, mir auf YouTube Videos anzuschauen und zu gucken, wie Poetry Slams ablaufen.

2. Wie ist das Interesse daran entstanden?

Jana: Ich schreibe schon länger Texte und fand es spannend, dass man bei Poetry Slams die Möglichkeit hat, Texte spontan einem interessierten Publikum vortragen zu können.

Alina: Mein Vater hat früher auch schon Gedichte geschrieben, genauso meine Großmutter. Ich fing also früh damit an, lange Gedichte auswendig zu lernen und auch vorzutragen (Zu Weihnachten, Muttertag, etc.). Als ich älter wurde, machten mich einige meiner Freunde mit der Form des Poetry Slams bekannt. Ich sah ihnen oft bei Auftritten zu, bis ich anfing, selbst Texte auszuformulieren. Dabei halfen mir Sammlungen von Zitaten und Gedichten verschiedener Poeten und Gelehrten aus aller Welt (z.B. Rumi, ein indischer Poet, der im 13. Jahrhundert gelebt hat).

Anna: Ich habe schon immer gerne geschrieben. Am Anfang waren es Kurzgeschichten und dann habe ich angefangen, meine Gedanken aufzuschreiben. Schließlich fand ich es für mich wichtig, meinen Frust rauslassen zu können. Im Internet bin ich dann auf die sogenannte „Spoken Word Poetry" gestoßen und habe gemerkt, dass diese Art des Schreibens für mich genau richtig ist, da ich selber bereits in einer ähnlichen Art und Weise geschrieben habe, die Spoken Word Poetry jedoch strukturierter gewesen ist, was mir gut gefallen hat.

3. Habt ihr Vorbilder?

Jana: Nein, nicht direkt – Ich könnte Dichter wie Goethe oder Slammer wie Julia Engelmann nennen, deren Stil mir in den allermeisten Texten persönlich gut gefällt, (durch letzteren Auftritt mit „One Day", der im Internet große Wellen geschlagen hat, habe ich übrigens vom Poetry Slam erfahren), allerdings verstehe ich diese Persönlichkeiten eher als Inspiration, denn als Menschen, denen ich in meinem Schreibstil irgendwie nacheifern möchte. Ich glaube, dass beim Texteschreiben generell Individualität am allerwichtigsten ist und dass jeder seine ganz eigenen Worte finden sollte, um den Dingen, die ihn bewegen, Ausdruck zu verleihen. Deshalb sitze ich beim Poetry Slam auch mindestens ebenso gerne als Zuhörerin im Publikum wie ich auf der Bühne stehe! Das liegt aber auch an meiner Einstellung, dass ich in erster Linie für mich selbst schreibe und mich nur dann zum Vortragen entscheide, wenn es meiner Meinung nach „zufällig" zu einem Ergebnis gekommen ist, was ich auch anderen zumuten möchte.

Alina: Vorbilder hab ich nicht wirklich. Zumindest nicht Menschen, die Poetry Slams schreiben. Als Vorbilder zählen für mich viele englische und amerikanische Dichter, da ich mich eher mit Poesie beschäftige und daraus dann meine eigenen Texte entstehen. Aber zu den Poeten, die ich gewissermaßen zu meinen Vorbildern zählen würde, zählen Charles Bukowski, Jalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (Rumi) und F. Scott Fitzgerald. Meine Vorbilder unter den noch lebenden Schriftstellern wären Samantha King, Rupi Raur, Nikita Gill und R. M. Drake.

Anna: Mein Vorbild ist einen YouTuberin namens TAZ. Sie war die erste Frau, die ich aus dem Bereich Poetry Slam kennengelernt habe und ich fand ihre Texte von Anfang an sehr beeindruckend. Ihre Themen passten zu meinen eigenen Gedanken und ich hatte das Gefühl, dass wir ähnlich denken.

4. Welche Themen behandelt ihr in euren Texten?

Jana: Meine Texte, die ich beim Poetry Slam vorstelle, waren bisher immer Gedichte. Gedichte kann ich allerdings immer nur „aus einem Gefühl heraus" schreiben. Von daher drehen sich die Texte meist eben um diese Stimmung. Dazu lässt sich vielleicht noch sagen, dass für mich meine „traurigen" oder melancholischen Texte besser klingen als einige der sehr wenigen heiteren Texten in meiner Sammlung.

Alina: Die Themen variieren in einem sehr breiten Spektrum. Meistens sind es die Gedanken, die mich gerade belasten oder aktuelle Gefühle, unabhängig davon, ob es Gefühle über einen Menschen oder eine Situation sind. Ich habe einige Texte über die Liebe, die Liebe zu einem Menschen oder die Liebe, die man einem Menschen geben sollte, falls das Sinn macht. Ich habe auch Texte über Trennungen geschrieben, auch über Trennungen durch den Tod. Ich habe ebenfalls das Thema „Selbstmord" in meinen Texten bearbeitet. Im Grunde genommen verwandeln sich die Themen aber meistens in meinen Texten. Aus einer schrecklichen Situation wird etwas Positives und neue Kraft geschöpft, um weitermachen zu können. - Eines meiner Lieblingsthemen ist das Universum oder die Tiefen des Meeres, also hab ich viele der oben genannten Themen mit einer der beiden durchgängigen Metaphern verknüpft. Es sind also sehr gefühlvolle Texte dabei, wobei die meisten aber wahrscheinlich niemals an die Öffentlichkeit gelangen werden. Natürlich behandle ich auch revolutionäre Themen in meinen Texten, welche die Menschen zum Nachdenken bringen sollen, was z.B. auch auf einen meiner vorgetragenen Texte zutrifft, in dem ich das Thema „Freiheit" anspreche und wie man glaubt frei zu sein, obwohl man in einer unendlichen Routine feststeckt und deswegen anfangen soll zu schreiben, da Texte einem Menschen eine gewisse Freiheit bringen.

Anna: Meine eigenen Texte thematisieren die jugendliche Gesellschaft, wie sie sich online zeigt. Beim Poetry Slam im Eitorf habe ich mich zum einen auf den Aspekt konzentriert, welche Macht Worte haben. Im zweiten Text ging es mir um das Problem, welchen Druck Schönheitsideale auf uns ausüben und wie schwierig es ist, den Idealen entsprechen zu wollen.

5. Welche Texte, die ihr verfasst habt, haltet ihr für besonders gelungen?

Alina: Am besten sind mir tatsächlich die Texte gelungen, die zu gefühlvoll sind, um sie einem Publikum vorzutragen. In diesen Texten steckt so viel Herzblut drin, und es ist alles sehr stimmig zueinander und nicht gezwungen. Diese Texte entstehen meist in wenigen Minuten und brauchen auch nicht viel Überarbeitung. Texte, zu denen man einen persönlichen Bezug aufbauen kann, egal ob als Autor oder als Zuhörer, kommen immer am besten an. Trotzdem berühren diese gefühlvollen Texte nie wirklich das Publikum. Stattdessen sind es meistens gesellschaftskritische Werke, was ich persönlich sehr schade finde.

Anna: Der Text zu Thema „Schönheitsideale" ist auch der Text, der mir meiner Meinung nach bisher am besten gelungen ist.

6. Warum ist euch der Auftritt vor Publikum wichtig?

Jana: Mich hat es sofort fasziniert, dass man als Slammer die Möglichkeit erhält, ganz unverfänglich, meistens in einer sehr angenehmen Atmosphäre und häufig von einem wohlwollenden Publikum umgeben, seine Texte vorzustellen. Bin ich mit meinen kleinen „Werken" zufrieden, habe ich in der Regel auch große Freude daran, sie anderen zu präsentieren, weil ich denke, dass ich über Themen schreibe, die vielen anderen nicht fremd sind. Ich hoffe dann, dass ich den Menschen etwas mit auf den Weg geben kann und sei es nur das Gefühl, nicht alleine damit zu sein – Das hilft nämlich meiner eigenen Erfahrung nach schon einmal eine Menge. Viele Texten und Gedichte werden, glaube ich, außerdem viel packender, wenn man sie nicht auf einem Blatt Papier zum Lesen vorgelegt bekommt, sondern ein vorbereiteter Vorträger mit Stimme, Lautstärke und Schnelligkeit variieren und den Zuhörer idealerweise mit auf eine gedankliche Reise nehmen kann. Beim Poetry Slam finde ich auch besonders gut, dass bei den Texten nicht auf eher konventionelle Formen wie etwa ein Reimschema geachtet wird – Im Reimen bin ich nämlich nicht besonders gut.

Alina: Es war dieses Jahr tatsächlich mein erstes Mal, dass ich einen Text von mir vorgetragen habe. Mir ist es dabei unglaublich wichtig, dem Zuhörer eine Botschaft zu vermitteln und zwar dem Zuhörer persönlich und nicht der Gesellschaft. Ich möchte das Publikum zum Nachdenken bringen und dazu, die beschriebene Situation zu verstehen und die Lage auch bei sich selbst wiederzufinden. Wenn der Zuhörer genau versteht, was ich mit deinen Texten zum Ausdruck bringen will und welche Botschaft ich vermitteln möchte, habe ich mein Ziel erreicht. Ich möchte die Themen, die mich selbst beschäftigen, auch an das Publikum bringen, da ich denke, dass sich etwas Großes nur ändern kann, wenn sich jeder Einzelne ändert und in sich etwas ins Rollen bringt. Außerdem ist es mir wichtig dem Zuhörer zu vermitteln, dass es viele Andere gibt, die sich in einer Situation befinden, die ich in meinen Texten behandle. Ich finde, dass man immer weiter machen sollte, auch wenn das manchmal schwer fällt. Es ist mir daher wichtig, den Zuhörer mit meinen Texten zum Weitermachen zu motivieren.

Anna: Auftritte sind mir deshalb so wichtig, weil ich mir wünsche, dass Jugendliche über die Themen nachdenken, die ich für wichtig halte. Normalerweise lese ich eigentlich meine Texte nicht vor, der Poetry Slam in Eitorf war daher für mich eine Premiere, die ich sehr positiv erlebt habe, da ich das Gefühl hatte, mit meinen Texten anderen nahe kommen zu können.

7. Welche Reaktionen erhaltet ihr auf eure Texte?

Jana: Eigentlich sind mir bisher nur positive aufgefallen, sei es durch den Applaus oder durch direkte Kommentare. Einmal wurde ich sogar nach der Veranstaltung von einer fremden Zuhörerin aus dem Publikum gefragt, ob ich einen Workshop für kreatives Schreiben für Kinder und Jugendliche leiten würde. Das hat mich natürlich sehr gefreut und geehrt (auch wenn der Workshop letztlich leider nicht eingerichtet werden konnte).

Alina: Die Reaktionen sind unterschiedlich und variieren auch danach, ob es Einzelpersonen sind, die zuhören, oder ein Publikum, wie beim Poetry Slam. Bei einem Publikum ist es immer schwerer, man wird oft nicht wirklich verstanden und die Texte werden falsch interpretiert, was auch damit zusammenhängt, ob der Einzelne sich mit Poesie oder Poetry Slams beschäftigt oder nicht. Von einzelnen Personen bekomme ich aber meist überraschte und begeisterte Reaktionen, man redet danach auch lange über das Thema und somit ist für mich die Mitteilung der Botschaft gelungen. Wenn man ein Text vor einem großen Publikum vorträgt, scheint dieses das Thema nicht ganz so gut nachvollziehen oder verstehen zu können, wie eine Person von Auge zu Auge. Das Vortragen vor einem Publikum ist dafür eben viel zu unpersönlich. Außerdem scheint es so, also würde ein Publikum eher gesellschaftskritische anstatt gefühlvolle Texte hören wollen, was ich persönlich sehr schade finde.

Anna: Hauptsächlich waren die meisten Zuhörer von meinen Texten sehr berührt und haben mir gesagt, dass ich mit meinen Texten ins Schwarze treffen. Einige haben auch gesagt, dass sie sich über das Thema „Schönheitsideale" eigentlich noch nie in dem Maße Gedanken gemacht haben, aber den Eindruck hatten, dass ich das Problem sehr detailliert beschrieben habe. Es gab auch Zuhörer, die sich gewundert haben, dass ich mich mit meinem jungen Jahren derart intensiv mit dem Problem „Schönheit" beschäftigt habe, aber ich denke, dass man kein bestimmtes Alter erreicht haben muss, um sich Gedanken zu einem bestimmten gesellschaftlichen Problem zu machen.

8. Ist Poetry Slam für den Schulunterricht geeignet?

Jana: Auf jeden Fall sollte man im Deutschunterricht einmal darüber gesprochen haben! Grundsätzlich denke ich auch, dass Poetry Slam im Rahmen einer Klassen- oder Kursgemeinschaft möglich wäre. Allerdings kann es meiner Meinung nach in bestimmten Fällen für potenzielle Vorträger auch eine Hürde sein, wenn ihnen das Publikum gänzlich bekannt und vertraut ist! Gerade im Jugendalter steht man häufig unter einem Perfektionsdruck und hat mit Selbstzweifeln (Angst vor Kritik) zu kämpfen. Deshalb glaube ich, dass schulinterne Poetry Slams doch nicht die „richtigen" Slams ersetzen könnten, zumal ich finde, dass so eine Veranstaltung außerhalb, abends, in einem Café (wie in Eitorf) immer einen ganz besonderen „Zauber" birgt.

Alina: Auf jeden Fall! Es gibt so viele schlummernde Talente in den Köpfen junger Schülerinnen und Schüler und diese sollte man damit auf jeden Fall aufwecken. Außerdem ist das Bild von Poesie unter der Schülerschaft wirklich negativ, da man so viele Gedichtanalysen von ihnen verlangt, dass sie gar keine Lust haben, sich auch noch in ihrer Freizeit mit Gedichten und Poesie auseinanderzusetzen. Man vermittelt den Schülern im Unterricht, meiner Meinung nach, ein viel zu rationales Bild von Gedichten und Poesie. Goethe zum Beispiel hat wundervolle Gedichte und Texte geschrieben und trotzdem haben die 11er allein schon beim Hören des Namens keine Lust mehr. Durch Poetry Slam zeigt man Schülern, wie neu und modern Poesie u.a. sein kann und dass es sich bei Poesie nicht immer um Gedichtanalysen handel muss. Außerdem bringt die Form des Poetry Slams dem Schüler eine neue und friedliche, aber effektive Ausdrucksformen von Rebellion nahe. Das Interesse an Poesie ist unter den jungen Leuten fast ausgestorben, der Poetry Slam erweckt dieses aber nach und nach wieder und Lehrer sollten dies auch auf jeden Fall im Unterricht behandeln.

Anna: Ganz klar ist Peotry Slam für die Schule geeignet, da es eine kreative Art und Weise ist, Gedanken zu entwickeln!

9. Werdet ihr euch auch in Zukunft mit Poetry Slam beschäftigen?

Jana: Auf jeden Fall! Und ich hoffe, dass in Zukunft noch mehr Menschen davon erfahren und sich dafür begeistern können: Es lohnt sich, egal ob als Zuhörer oder als Vortragender!

Alina: Ganz sicher! Ich habe durch Poesie eine angemessene Form gefunden, das „Chaos in meinem Kopf" zu ordnen und aufzuschreiben. Manchmal beruhigt das die eigene Seele auch einfach, seine Gedanken aufzuschreiben und etwas Sinnvolles daraus zu gestalten. Mir macht das Texteschreiben auch einfach total viel Spaß und es ist ein unglaublich gutes Gefühl, wenn einem in einem komplett unerwarteten Moment ein toller Satz trifft, den man in wenigen Minuten weiter spinnt und im Endeffekt daraus ein erstaunlicher Text entsteht.

Anna: Auf jeden Fall werde ich mich auch in Zukunft mit Texten für Poetry Slams befassen, da ich ja erst kürzlich damit begonnen habe und noch etliche weitere Themen bearbeiten möchte.


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Das Bodelschwingh Gymnasium

Willkommen auf der Homepage des Bodelschwingh-Gymnasiums in Herchen. Wir sind ein staatlich anerkanntes Gymnasium in kirchlicher Trägerschaft. Die Schule ist in der Sekundarstufe I dreizügig und bietet in der Sekundarstufe II den Schülerinnen und Schülern ein weitgefächertes Leistungs- und Grundkursangebot.